Seite druckenDicke Leute essen mehr als dünne

Warum sind dicke Leute dick?
    Die populäre Antwort ist: weil sie zuviel essen. Und in gewisser Weise .stimmt das auch. Würden sie weniger essen, dann würden sie auch weniger wiegen. Diese Binsenweisheit gilt für jedermann, dick oder dünn. Jede Kalorie über das hinaus, was unser Körper braucht, macht uns schwerer, jede Kalorie, die zum Ausgleich der Energieverluste fehlt, macht uns leichter.
    In gewisser Weise ist die Antwort aber auch falsch. Denn dicke Menschen mögen vielleicht mehr essen als sie zur Gewichtserhaltung brauchen; aber sie essen im Durchschnitt weniger als dünne. »Generally speaking, fatter people eat less than thinner people« (Ernährungswissenschaftler Peter Wood von der Stanford Universität in Kalifornien). Wie eine Ernährungsstudie nach der anderen ergibt, sind unter sonst gleichen Umständen Vielesser in der Regel dünner. So essen etwa englische Teenager weit weniger als ihre Eltern, im Durchschnitt sogar 300 bis 500 Kalorien am Tag weniger als von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen - und sind trotzdem mehrheitlich zu dick. Eine andere Studie aus Schottland ergab, dass dicke Mädchen nicht mehr essen als dünne - sie essen weniger. Und eine Untersuchung von mehr als 3000 englischen Erwachsenen - 900 Mitarbeiter der Firma »Beecham Foods«, 1000 Angestellte der Londoner Stadtverwaltung und 1500 Staatsbeamte - ergab zur nicht geringen Überraschung aller Beteiligten eine »hoch signifikante negative Korrelation zwischen Kalorienverbrauch und Körperfett, und zwar für beide Geschlechter und alle drei Teilpopulationen gleichermaßen« (zitiert nach Cannon und Einzig; Übersetzung von uns): »Whatever the exact figure may be, it is save to say that we are getting fatter while eating less.«
    Die folgende Tabelle gibt dazu exakte Zahlen. Sie zeigt den durchschnittlichen Kalorienkonsum von normal- bzw. untergewichtigen und übergewichtigen Versuchspersonen an, so wie er in verschiedenen Studien ermittelt worden ist:


schlank

übergewichtig

Probanden

Kalorien-konsum

Probanden

Kalorien-konsum

Beaudoin und Mayer

58 Frauen 2198 59 Frauen 1964

Lincoln

98 M. u. Fr. 3319 101 M. u. Fr. 3144

Baecke et al:

47 Männer 3070 27 Männer 2983
50 Frauen 2280 45 Frauen 2045

Kromhout

202 Männer 3149 202 Männer 2916

Braitmann et al.

708 Männer 2389 79 Männer 2411
1246 Frauen 1689 245 Frauen 1525

Romieu et al.

45 Frauen 1684 47 Frauen 1635

Zu dieser Tabelle wäre noch einiges zu sagen (Definition von »Übergewicht«, Alter, Beruf und Normalgewicht der Versuchspersonen etc.), aber in dem Umfang, wie die normal- und übergewichtigen Probanden in ihren sonstigen Merkmalen übereinstimmen, ist das Ergebnis klar genug: Mit einer einzigen Ausnahme essen dicke Probanden weniger als dünne.
    Diese dicken Probanden sind in der Regel dick, nicht obwohl, sondern weil sie soviel fasten. Denn der Energiebedarf unseres Körpers hängt ebenfalls von unserem Essen ab: Wer wenig ißt, trainiert den Körper, dieses knappe Essen besser auszunutzen, weniger von den Kalorien in der Nahrung zu verschwenden, kurz, wie die Bauern sagen, das Futter besser zu verwerten. Wenn also zwei 1,80 große Männer mit jeweils 80 kg Körpergewicht und identischem Energiebedarf von 2800 Kalorien pro Tag je zwei Steaks mit Beilagen und mehrere Bier mit zusammen 3500 Kalorien vertilgen, kann der eine dadurch dünner und der andere dicker werden. Wenn der eine vorher lang gefastet und Diät gehalten hat, wird sein Körper vielleicht 3000 der 3500 Kalorien wirklich auch verwerten - 200 mehr als zur Gewichtserhaltung nötig - mit anderen Worten, er nimmt zu. Der andere hat keine Diätkur hinter sich und geht mit seiner Nahrung viel salopper um, verwertet sagen wir nur 2500 der 3500 aufgenommenen Kalorien. Das sind 300 weniger als er braucht, und er nimmt ab.
    Davon zu unterscheiden ist der Fall, dass zwei Personen mit gleicher Größe, Statur und gleichem Gewicht trotzdem unterschiedliche Mengen an Kalorien brauchen, etwa weil der eine sich fit gehalten und Sport getrieben hat und der andere nicht. Dann braucht der Sportler wegen des größeren Muskelanteils am Körpergewicht, auch bei völliger Ruhe, allein durch »base metabolic rate«, mehr Kalorien als sein fauler Nachbar und kann auch bei identischer Futter-Verwertungsrate abnehmen, während der andere kein Gramm mehr ißt und verwertet und trotzdem zunimmt.

Lit: Cannon/Einzig: Dieting makes you fat, London 1983. Die Tabelle ist eine kondensierte Fassung von Tabelle 4 aus George A. Bray: »Obesity« in: M. L. Brown (Hrsg.): Present knowledge in nutrition, Washington 1990, S. 23-38; Bernhard Ludwig: Anleitung zum Dickwerden, München 1990.

    Die Originalquellen sind: R. Beaudoin und J. Mayer: »Food intakes of obese and nonobese women«, Journal of the American Dietary Association 1953; J. E. Lincoln: »Calorie intake, obesity, and physical activity«, American Journal of clinical nutrition 1972; J. A. Baecke et al.: »Food consumption, habitual physical activity, and body fatness in young dutch adults«, American Journal of clinical nutrition 1983; D. Kromhout: »Changes in energy and macronutrients in 871 middle-aged men during 10 years of the follow up (the Zutphen study», American Journal of clinical nutrition 1983; L. E. Braitman et al.: »Obesity and caloric intake: the national health and nutrition examination survey of 1971-1975«, Journal of chronic deseases 1985; 1. Romieu et al.: »Energy intake and other determinants of relative weight«, American Journal of clinical nutrition 1988.

Aus: Lexikon der populären Irrtümer (14. Auflage)

Walter Krämer / Götz Trenkler

© Vito von Eichborn GmbH & Co. Verlag KG, Frankfurt am Main, März 1996